Die Kunst der Glaubwürdigkeit: Die AFC in der FAZ zum Thema Nachhaltigkeit
Die Kunst der Glaubwürdigkeit - Nachhaltigkeit ist mehr als nur ein kurzfristiger Trend.
Von Otto A. Strecker und Christoph Willers
Spätestens seit es einen eigenen Berichtsstandard für Nachhaltigkeit gibt, ist das Thema vielen Management Consultants, Wirtschaftsprüfern und selbst PR-Agenturen ein eigenes Beratungsangebot wert. Den Standard für die zukünftig zu erstellenden Berichte setzte die Global Reporting Initiative (GRI). Ihr gehören bisher überwiegend global agierende Konzerne an. Sie gelten als Trendsetter in ihren jeweiligen Branchen. Es folgen ihnen zunächst die größeren nationalen Player. Mit etwas Verzögerung dürfte das Thema in Kürze auch den Mittelstand erreichen.
In diesen Berichten dokumentieren Unternehmen, was sie entlang der drei Nachhaltigkeitsdimensionen Ökologie, Soziales und Ökonomie umgesetzt haben. Die Berichtslegung ihrerseits löst weitere Projekte aus, denn gelegentlich müssen fehlende Berichtsinhalte überhaupt entwickelt und implementiert werden. Beispiele liefern derzeit Aktivitäten rund um Umweltschutzprojekte in Entwicklungsländern oder Product Carbon Footprints. So generiert die Meta-Ebene der Berichtslegung weitere Fachaufgaben und Projekte für die beteiligten Nachhaltigkeitsberater.
Für die Beratungszunft scheint dies eine lohnenswerte Aufgabe zu sein, von den Branchengrößen bis hin zu neu entstehenden 1-Mann-Consultingfirmen. So beteiligen sich inzwischen auch ehemals industriekritische Vereine und Einrichtungen daran, auf Wunsch produktspezifische CO2-Berechnungen zu erstellen. Die Wachstumspotenziale sind enorm – dies bringt allein die inhaltliche Breite des Begriffs Nachhaltigkeit mit sich. Aber nicht selten erfolgen z.B. produktbezogene Berechnungen völlig unabhängig davon, ob das Unternehmen als Ganzes nachhaltig wirtschaftet oder nicht. Ist diese Form der Beratung dann auch noch nachhaltig? Das kann bezweifelt werden. Zu groß ist die Gefahr, dass Mandanten und Bera-ter gemeinsam bezichtigt werden, „Green washing" zu betreiben. Darunter verstehen Kritiker die oberflächliche Befassung mit dem Thema Nachhaltigkeit, die in erster Linie der Imagepflege dient.
Berater können Unternehmen und öffentliche Institutionen dabei unterstützen, Nachhaltigkeit als Prinzip der ganzheitlichen Unternehmensführung zu verankern. Auch das ist eine ehren-volle Beratungsaufgabe, allerdings eine, die auch Widerstände überwinden muss. Die Wertschöpfungskette von Unternehmen auf entsprechende Potenziale zu untersuchen und die Aktivitäten von einer projektorientierten Nachhaltigkeitspolitik in Richtung einer systemischen Nachhaltigkeit zu entwickeln, erfordert einerseits Mandanten, die sich darauf einlassen und andererseits Berater, die den Mut haben, von bestimmten Projekten auch einmal abzuraten. Auch wenn plötzlich alles nachhaltig zu sein scheint, gilt es aus Beratersicht vor dem Hinter-grund der Risikoprävention gerade aufzuzeigen, was nicht nachhaltig ist. Kein Nachhaltigkeitsprojekt ist zumindest dann das bessere Projekt, wenn es in erster Linie der Berichtslegung dient. Insofern hat die Global Reporting Initiative das Thema Nachhaltigkeit in der Unternehmensführung tatsächlich stärker als zuvor verankert, aber eben auch die Gefahr von berichts- und imageorientierten Nachhaltigkeitsstrategien der Akteure verstärkt. Das Risiko des Glaubwürdigkeitsverlustes ist dabei hoch.
Die Potenziale dieses für die Praxis noch relativ neuen Beratungsfeldes stehen und fallen daher mit dem Management. Damit Nachhaltigkeit nicht an der Oberfläche stehen bleibt oder sich nur in kleinen – wenig nachhaltigen – Aktivitäten manifestiert, gilt es zentrale Fragen zur bestehenden oder geplanten Nachhaltigkeitspolitik zu klären: Warum, wie, wann, wo, mit wem und wie lange soll ein bestimmtes Projekt durchgeführt werden? Denn nur ein transpa-rentes Vorgehen wird zum Erfolg führen, das zum eigenen Leistungsportfolio passt und verknüpft ist mit Konsequenzen für das Kerngeschäft und die Unternehmensführung. Zu einer ganzheitlichen Beratung gehören die Betrachtung der kompletten Supply Chain sowie relevanter Stakeholderinteressen.
Aus diesen Fragestellungen ergeben sich die angesprochenen Widerstände sowohl innerhalb der beratenen Organisationen als auch gegenüber den Beratern. An diesen Punkten zeigt sich die Qualität des Beraters – dem Mandanten mit ganzheitlichem Rat zur Seite zu stehen und nicht „abnickend". Anderenfalls ist die Beraterzunft selbst Treiber einer vielfach zu beobachtenden ad-hoc-Nachhaltigkeit. In der Vergangenheit sind Unternehmen immer wieder in die öffentliche Kritik geraten, da sie diese ganzheitliche und systemische Sicht der Nachhaltigkeit ungenügend berücksichtigt haben – oder schlecht beraten wurden.
Diese zentralen Fragen des Nachhaltigkeitsmanagements zeigen, dass Berater im Themenfeld der Nachhaltigkeit Vordenker sein müssen, damit sie nicht reine Ausführungsgehilfen des Managements werden. Nachhaltigkeit ist in der Gegenwart angekommen und hat sich von einer ursprünglich „grünen Idee" zu einem bedeutenden Managementthema entwickelt. Wer sich als Berater ganzheitlich darauf ausrichtet, wird auch erfolgreich am Markt sein können. Wer aber nur auf einzelne fragmentarische „Hot-Spots" setzt, wird dem Konzept der Nachhaltigkeit nicht gerecht. Dann würde Nachhaltigkeit tatsächlich nur zum kurzfristigen Beratungstrend.
Dr. Otto A. Strecker ist Managing Partner und Vorstand der AFC Management Consulting AG, Bonn.
Dr. Christoph Willers ist Geschäftsführer des Instituts für Nachhaltiges Management e.V., Bonn.